Geheimtext oder Schwindel? Das rätselhafte Voynich-Manuskript

Geheimtext oder Schwindel? Das rätselhafte Voynich-Manuskript - papagei.com Magazin

Eine mysteriöse Handschrift gibt seit mehr als 100 Jahren Rätsel auf. Bis heute ist es nicht gelungen, den Code des berühmten Voynich-Manuskripts zu knacken – wenn es denn überhaupt einen gibt und das Buch nicht nur aus lauter Nonsens-Text besteht.

Beim Voynich-Manuskript handelt es sich um eine mittelalterliche Pergamenthandschrift. Benannt ist es nach seinem Entdecker, dem US-Antiquar Wilfrid Voynich, der das Buch 1912 in einem Jesuitenkolleg in der Nähe von Rom aufstöberte. Das Manuskript misst 17,8 x 25,4 Zentimeter und hatte ursprünglich vermutlich einen Umfang von 116 Blättern, was 232 Seiten entspricht. 14 Blätter fehlen heute jedoch vollständig, sie wurde offenbar sorgfältig aus dem Buch herausgetrennt und sind bislang nicht wieder aufgetaucht.

Manuskript einst im Besitz von Kaiser Rudolf II.

Laut einem Brief, der dem Manuskript beilag, kaufte Rudolf II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, das Buch um 1600 von einem nicht bekannten Händler. Der Monarch, der ein Faible für Astrologie, Alchemie und okkulte Riten hatte, soll für das Buch die für damalige Verhältnisse sagenhaft hohe Summe von 600 Golddukaten gezahlt haben. 1608 ging das Manuskript dann gemäß dem beiliegenden Brief in den Besitz von Jacobus Horcicki de Tepenecz über, dem Direktor von Rudolfs botanischen Gärten. Sein Name findet sich auch, kaum lesbar, im Manuskript selbst, direkt auf der ersten Seite.

Online für jedermann verfügbar

Danach soll die Handschrift noch mehrmals den Besitzer gewechselt haben, ab dem Jahr 1666 verlieren sich ihre Spuren bis zur Entdeckung durch Voynich. Heute gehört das Manuskript zum Bestand der Beinecke-Bibliothek für seltene Bücher der US-Universität Yale und ist via Internet für jedermann zugänglich. Seite für Seite lässt sich hochauflösend online unter die Lupe nehmen – ideal für Hobbyforscher.

Das Voynich-Manuskript enthält zahlreiche kolorierte, zum Teil ganzseitige Illustrationen. Sie zeigen vor allem Pflanzen und astrologische Diagramme, in einem Anschnitt finden sich auch rätselhafte Darstellungen von nackten Frauen mit gewölbten Bäuchen. Der begleitende Text umfasst rund 170.000 Zeichen, die auf einem unbekannten Alphabet basieren.

Schrift weist Merkmale echter Sprachen auf

Bis heute ist sind sowohl der Urheber des Voynich-Manuskripts als auch der Inhalt des Textes ein Rätsel. Wilfrid Voynich hielt den berühmten britischen Philosophen und Forscher Roger Bacon für den Urheber, diese Annahme gilt aber als widerlegt. Analysen von Sprachwissenschaftlern haben ergeben, dass die geheimnisumwitterte, von links nach rechts geschriebene Schrift zahlreiche Anzeichen eines echten Textes aufweist. So tauchen manche Buchstaben häufiger auf als andere, und einige Buchstaben kommen in sehr vielen Worten vor, so als wären es Vokale.  Die Häufigkeit der verschiedenen Worte ist ebenfalls so wie bei anderen normalen Sprachen. Doch es gibt auch Besonderheiten, die die Schrift von jeder bekannten echten Schrift unterscheiden. So ist beispielsweise keine Grammatik zu erkennen, Satzzeichen fehlen komplett.

Sinnvoller Text oder Nonsens? Die gängigsten Theorien

Schon bald nach Entdeckung der Handschrift gab es Mutmaßungen, dass Manuskript sei eine neuzeitliche Fälschung. Seit 2009 steht jedoch fest, dass es sehr wohl aus dem Mittelalter stammt. Der Entstehungszeitraum wurde per Radiokarbonmethode auf den Zeitraum zwischen 1404 und 1438 datiert. Das Manuskript selbst ist also echt, doch sein Inhalt bleibt ein Rätsel. Die wichtigsten Theorien:

  • Es handelt sich um eine naturwissenschaftliche Enzyklopädie. Geschrieben ist sie in einer echten, bis heute unbekannten Sprache. Einer jüngsten, aber umstrittenen Theorie zufolge könnte die Handschrift aus Mittelamerika stammen und mithin in einer untergegangenen amerikanischen Sprache geschrieben worden sein.
  • Das Manuskript enthält naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die vor der kirchlichen Inquisition verborgen bleiben sollten. Der ursprünglich in einer gebräuchlichen Sprache verfasste Text wurde so raffiniert verschlüsselt, dass sich Kryptologen bis heute daran die Zähne ausbeißen.
  • Das Buch ist ursprünglich nicht in einer normalen Sprache verfasst worden, sondern in einer eigens konstruierten Kunstsprache. Diese wurde dann aufwendig verschlüsselt.
  • Die Handschrift ist ein genialer Schwindel. Der Zweck: dem an Pseudowissenschaften interessierten Kaiser Rudolf II. das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das Manuskript enthält demnach also gar keinen sinnvollen Text, sondern gaukelt dies nur vor.

Die Schwindel-Theorie gilt heutzutage als die wahrscheinlichste. Die meisten Sprachwissenschaftler sind der Überzeugung: Würde der Text auf einer richtigen Sprache fußen, hätte er mit den modernen Mitteln der Kryptologie längst entschlüsselt werden können. Es spricht also alles dafür, dass es sich beim Voynich-Manuskript um eines der brillantesten Gaunerstücke in der Menschheitsgeschichte handelt – wenn nicht doch Außerirdische dahinterstecken, wie einige Esoteriker vermuten.

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