In Stein gemeißelt: Die Entzifferung der Hieroglyphen

In Stein gemeißelt: Die Entzifferung der Hieroglyphen - papagei.com Magazin

Sie preisen die Götter, erzählen von den Heldentaten der Pharaonen und berichten aus dem Alltag im antiken Ägypten. Die Hieroglyphen sind wie eine Zeitmaschine, die uns zurück in die Ära des alten Ägyptens katapultiert – wenn man sie denn lesen kann. Und das war jahrhundertelang nicht möglich. Erst ein Zufallsfund führte zur Entzifferung der altägyptischen Schriftzeichen.

Die ägyptischen Hieroglyphen wurden von etwa 3200 vor Christus bis 300 nach Christus in Ägypten und dem benachbarten Nubien (dem heutigen Sudan) verwendet. Der Begriff Hieroglyphen setzt sich aus zwei altgriechischen Wörtern zusammen und bedeutet „heilige Schriftzeichen“. Die Hieroglyphen waren zunächst eine reine Bilderschrift, die sich im Laufe der Zeit weiterentwickelte und sich schließlich aus Konsonanten, Lautzeichen, Bildzeichen und zusätzlichen Bedeutungszeichen zusammensetzte.

Ab dem 4. Jahrhundert nach Christus gerieten die Hieroglyphen allmählich in Vergessenheit, das Wissen um ihre Bedeutung ging verloren. Im 9. und 10. Jahrhundert waren es zunächst islamische Gelehrte, die sich an der Entzifferung der Schriftzeichen versuchten. Ab dem 15. Jahrhundert erwachte auch in Europa das Interesse an den rätselhaften Inschriften, von denen die altägyptischen Tempel und Bauwerke übersäht sind. Den Code der Hieroglyphen zu knacken – das gelang allerdings erst im 19. Jahrhundert.

Gesetzestext in dreifacher Ausfertigung

Den Ausschlag gab ein Zufallsfund kurz vor der Jahrhundertwende – der berühmte Stein von Rosette (oder auch Rosetta). Während Napoleons Ägypten-Feldzug entdeckte der französische Offizier Pierre François Xavier Bouchard am 15. Juli 1799 nahe der Stadt Rosette im Nildelta einen Stein mit eingemeißelter Inschrift. Das Besondere an dieser sogenannten Stele: Auf ihr ist ein und derselbe Text in drei verschiedenen Schriften eingeritzt: in Hieroglyphen, in Demotisch (das sich aus einer weiteren altägyptischen, mit den Hieroglyphen eng verwandten Schrift entwickelt hatte) und in Altgriechisch.

Die Inschrift stammt aus dem Jahr 196 vor Christus und ist ein Dekret, in dem die Pflichten der ägyptischen Priester gegenüber Pharao Ptolemaios V. festgehalten sind. Zur damaligen Zeit wurde Ägypten nicht mehr von einheimischen, sondern von griechischen Königen beherrscht – deshalb die griechische Schrift auf dem Stein. Die Hieroglyphen-Version war für die Priesterschaft gedacht, die demotische Variante für die ägyptischen Beamten. Während man zu damaligen Zeit weder die Hieroglyphen noch das Demotische lesen konnte, war die griechische Schrift bekannt – und somit war der Stein von Rosette der Schlüssel zur Entzifferung der Hieroglyphen.

Übersetzung der Hieroglyphen äußerst schwierig

Doch obwohl die Bedeutung der Inschrift bekannt war, entpuppte sich die Übersetzung der Hieroglyphen als äußerst knifflig. Der Grund: Bei den Schriftzeichen handelt es sich nicht ausschließlich um reine Buchstaben. Wie sich später herausstellte, können Hieroglyphen für einzelne Konsonanten, ganze Wörter oder für Laute stehen, einige verändern zudem die Bedeutung eines ganzen Satzes. Es sollten daher noch mehr als zwanzig Jahre vergehen, bis der Code der Hieroglyphen geknackt werden konnte.

Die Vorarbeiten leisteten mehrere Wissenschaftler wie der englische Arzt und Physiker Thomas Young, der endgültige Durchbruch gelang dann dem Franzosen Jean-François Champollion. Der Sprachwissenschaftler und Archäologe konzentrierte sich zunächst auf die sogenannten Kartuschen – oval umkreiste Zeichenfolgen, die den Namen eines Herrschers darstellen. Champollion untersuchte die Kartusche von Ptolemaios V. auf dem Stein von Rosette mit denen von Regenten aus anderen ägyptischen Inschriften. Er konnte auf dieses Weise zunächst einige Konsonanten entschlüsseln und kam nach und nach dem Geheimnis der Hieroglyphen auf die Spur. Im September 1822 war Champollion schließlich am Ziel, er hatte die Hieroglyphen komplett entziffert.

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